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Mehr als eine „helfende Hand“

Leseempfehlung by Prof. Dr. Ruth Anna Weber


Mehr als eine „helfende Hand“

Advanced Practice Nursing als tragende Säule moderner Versorgung

Advanced Practice Nurses (APN) in Deutschland werden noch immer häufig als „helfende Hand“ wahrgenommen – ein Narrativ, dass ihrer tatsächlichen Qualifikation und Wirkung nicht gerecht wird. International gelten APNs hingegen seit Jahrzehnten als hochqualifizierte Pflegeexpertinnen, die eigenständig klinische Entscheidungen treffen, komplexe pflegerische Interventionen verantworten, Versorgungsprozesse gestalten und evidenzbasierte Innovationen in die Praxis implementieren. Der Blick auf internationale Versorgungssysteme zeigt: APN sind kein Add-on, sondern ein zentraler Bestandteil patientensicherer Versorgung.


Internationale Evidenz: APN als unverzichtbare Versorgungsakteure

Internationale Erfahrungen zeigen, dass Advanced Practice Nurses (APN) in Ländern wie den USA, Kanada und Großbritannien fest in die Regelversorgung integriert sind. Abhängig vom jeweiligen Scope of Practice übernehmen sie eigenständig klinische Assessments, treffen therapeutische Entscheidungen, gestalten Versorgungsprozesse und sichern insbesondere in ländlichen oder unterversorgten Regionen den Zugang zu Gesundheitsleistungen. Zahlreiche Studien belegen, dass der Einsatz von APNs mit vergleichbaren oder besseren Patientenoutcomes, höherer Patientenzufriedenheit, einer Reduktion vermeidbarer Komplikationen sowie einer nachweislichen Entlastung ärztlicher Versorgungsstrukturen einhergeht. In Kanada und den USA stellen APNs mittlerweile einen substanziellen Anteil der Primär- und Spezialversorgung, während sie im britischen National Health Service (NHS) als integraler Bestandteil multiprofessioneller Teams etabliert sind.


Deutschland: Zwischen Akademisierung und Rollenunklarheit

In Deutschland entwickelt sich die hochschulische Pflegeausbildung dynamisch, dennoch bleibt die Rollenimplementierung von APN fragmentiert. Pflegeexpertinnen auf Bachelor-Niveau sowie APNs auf Master-Niveau verfügen über:

  • vertiefte klinische Expertise,

  • wissenschaftliche Kompetenz,

  • Fähigkeiten zur Praxisentwicklung, Evaluation und Implementierung.

Ihre Aufgaben gehen weit über Assistenz hinaus. APNs übernehmen klinische Verantwortung, entwickeln Standards, führen Assessments durch, schulen Teams und stärken die Versorgungs- und Patientensicherheit. Dennoch dominiert vielerorts weiterhin das Bild der Pflege als unterstützende Tätigkeit – ein Bild, das den Anforderungen komplexer Versorgungssysteme nicht mehr entspricht.


Im Kontext der hochschulischen Akademisierung übernehmen Pflegeexpertinnen und Advanced Practice Nurses (APN) eine zentrale Rolle bei der Implementation evidenzbasierter Wissens- und Lernformate im klinischen Alltag. Dazu zählen unter anderem niedrigschwellige Formate des Wissenstransfers wie One Minute Wonder, strukturierte pflegerische Assessments (z. B. Delir-Screenings) sowie praxisnahe Instrumente, digitale und analoge Hilfstools, die aktuelles, wissenschaftlich fundiertes Wissen unmittelbar am Point of Care verfügbar machen.


Diese Instrumente dienen nicht allein der Wissensvermittlung, sondern fördern gezielt den Theorie-Praxis-Transfer, stärken die klinische Entscheidungsfähigkeit der Mitarbeitenden und erhöhen das subjektive und objektive Sicherheitsempfinden im Versorgungsalltag. Damit leisten APNs einen wesentlichen Beitrag zur Professionalisierung pflegerischer Praxis und zur nachhaltigen Verankerung akademischer Kompetenz im Versorgungssystem.


Skill- und Grade-Mix: Komplexität professionell steuern

Moderne Versorgung erfordert einen differenzierten Skill- und Grade-Mix. APNs tragen entscheidend dazu bei, Teams qualifikationsgerecht zusammenzustellen und Verantwortung entlang von Kompetenzen zu verteilen. Damit leisten sie einen messbaren Beitrag zur Versorgungssicherheit, insbesondere in Zeiten von Fachkräftemangel und steigender Patient*innenkomplexität.


Exzellenz neu denken: Magnet nicht als Label, sondern als Haltung

Häufig wird in diesem Kontext auf das Magnet-Konzept verwiesen. Entscheidend ist jedoch weniger die Zertifizierung als vielmehr die Grundhaltung: Nicht „Exzellenz“ im Sinne eines Labels steht im Mittelpunkt, sondern die Stärkung der Mitarbeitenden, ihrer Kompetenzen und ihrer professionellen Autonomie. APNs sind hierfür ein Schlüsselfaktor.


Fazit

Advanced Practice Nurses sind weit mehr als eine „helfende Hand“. Sie sind hochqualifizierte Pflegeexpertinnen, die Versorgung aktiv gestalten, Sicherheit erhöhen und Innovationen wirksam in die Praxis bringen. Internationale Erfahrungen und erste deutsche Beispiele zeigen: Krankenhäuser, die auf APNs verzichten, verzichten auf eine zentrale Ressource zukunftsfähiger Versorgung.

 

 
 
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