Akademisierung der Pflege als Beitrag zur Resilienz des Gesundheitssystems
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Lesebeitrag zum Artikel „Resilienz im Gesundheitswesen – Geprobt, aber auch bereit?“ (f&w 06/2026)
Die Übung Medic Quadriga 2026 zeigt eindrucksvoll, dass Deutschland über leistungsfähige Strukturen im Gesundheitswesen verfügt. Gleichzeitig macht der Beitrag von Christina Spies deutlich, dass zwischen vorhandenen Kapazitäten und tatsächlicher Krisenvorbereitung weiterhin eine erhebliche Lücke besteht. Die Herausforderungen liegen weniger im Fehlen einzelner Ressourcen als vielmehr in der Koordination komplexer Versorgungssysteme, klaren Verantwortlichkeiten, funktionierenden Kommunikationswegen und belastbaren Entscheidungsstrukturen.
Beim Lesen des Beitrags stellt sich aus pflegewissenschaftlicher Perspektive eine interessante Frage: Welche Rolle spielt die Akademisierung der Pflege für die Krisen- und Resilienzfähigkeit eines Gesundheitssystems?
Die Diskussion um die Akademisierung wird in Deutschland häufig auf Themen wie Advanced Practice Nursing, heilkundliche Kompetenzen oder neue Karrierewege reduziert. Dabei wird übersehen, dass akademische Bildung weit mehr umfasst als die Erweiterung klinischer Handlungsspielräume. Sie vermittelt Kompetenzen zur Analyse komplexer Systeme, zum evidenzbasierten Entscheiden, zur Steuerung von Veränderungsprozessen und zur interprofessionellen Zusammenarbeit. Genau diese Fähigkeiten werden in Krisensituationen benötigt.
Der Beitrag beschreibt eindrücklich, dass ein funktionierendes Krisensystem nicht erst im Ernstfall entsteht. Vielmehr müssen Strukturen, Prozesse und Verantwortlichkeiten bereits im Vorfeld entwickelt, trainiert und evaluiert werden. Dies entspricht einem zentralen Grundverständnis akademischer Pflege: Probleme nicht nur situativ zu bewältigen, sondern systematisch zu analysieren, zu planen, umzusetzen und hinsichtlich ihrer Wirksamkeit zu überprüfen.
International wird dieser Ansatz unter dem Begriff Disaster Nursing seit Jahren diskutiert. Pflegefachpersonen übernehmen dabei nicht nur Aufgaben in der unmittelbaren Patientenversorgung, sondern wirken an Krisenplanung, Risikomanagement, Ressourcensteuerung, Kommunikation und organisatorischer Resilienzentwicklung mit. In vielen Ländern sind diese Kompetenzen Bestandteil akademischer Curricula.
In Deutschland hingegen findet sich das Thema bislang nur vereinzelt in Studiengängen. Angesichts der Erfahrungen aus der COVID-19-Pandemie, zunehmender Extremwetterereignisse, Cyberangriffe auf kritische Infrastrukturen und aktueller sicherheitspolitischer Entwicklungen erscheint diese Lücke zunehmend problematisch.
Die Übung Medic Quadriga 2026 verdeutlicht daher nicht nur die Bedeutung militärisch-ziviler Zusammenarbeit. Sie wirft zugleich die Frage auf, welche Kompetenzen zukünftige Gesundheitsfachberufe benötigen, um Versorgung unter Krisenbedingungen sicherzustellen. Akademisch qualifizierte Pflegefachpersonen könnten hier eine wichtige Rolle übernehmen – nicht nur als klinische Expertinnen und Experten, sondern auch als Gestalter resilienter Versorgungsstrukturen.
An dieser Stelle entsteht auch eine Verbindung zu aktuellen Initiativen wie MODINA. Die dort diskutierte stärkere Berücksichtigung von Krisen-, Katastrophen- und Bevölkerungsschutzkompetenzen in der Ausbildung von Gesundheitsfachberufen greift letztlich
genau jene Herausforderungen auf, die im Beitrag sichtbar werden. Die eigentliche Frage lautet daher nicht, ob Pflege im Krisenfall benötigt wird. Sie lautet vielmehr, ob wir Pflegefachpersonen bereits heute auf diese Verantwortung vorbereiten.
Fazit
Der Beitrag von Christina Spies ist weit mehr als ein Bericht über eine Großübung. Er macht deutlich, dass Resilienz im Gesundheitswesen nicht allein durch zusätzliche Ressourcen entsteht, sondern durch Menschen, die komplexe Situationen analysieren, koordinieren und gestalten können.
Gerade hierin könnte ein bislang wenig beachteter Beitrag der Akademisierung liegen. Neben klinischer Expertise, heilkundlichen Kompetenzen und Advanced Practice Nursing sollte künftig auch die Befähigung zur Mitgestaltung von Krisen- und Katastrophenmanagement stärker in den Blick genommen werden. Die Frage nach der Zukunft der Akademisierung ist deshalb nicht nur eine Frage der Professionalisierung der Pflege, sondern auch eine Frage der Resilienz unseres Gesundheitssystems.



